Katharina Sieverding

Selbstreflexion zwischen Realität und Relation

Katharina Sieverdings Fotoarbeiten sind Ausdruck von Reflexionen zur eigenen Identität. In ihren seriellen Arbeiten zu ihrem eigenen Gesicht, in denen oftmals nur minimale Veränderungen wie Lichteinstellungen und Überblendungen sichtbar sind, erschließen sich Aspekte der Selbstreflexion und der Beziehung nach Außen. In den Portraits geht es immer um das Sichtbarmachen von minimalen, manchmal kaum wahrnehmbaren Differenzen, die sich von Bild zu Bild zeigen. Zwischen Veränderung, Konzentration und Fokussierung ensteht so unwillkürlich ein permanenter Dialog von Bild zu Bild, zwischen Objekt und der Kamera – und schließlich mit dem Betrachter. Der Künstlerin sind ästhetische Gestaltungsmöglichkeiten sehr wichtig, die sich vor allem aus fotochemischen Belichtungs- und Entwicklungsprozessen entwickeln. Doch nimmt sie durchaus auch einen großen künstlerischen Freiheitsgrad durch individuelle handwerkliche Techniken in Anspruch. Katharina Sieverding stellt grundsätzliche Fragen zu den Bedingungen der Produktion und Rezeption von Kunst, die immer wieder auf den erweiterten Kunstbegriff ihres Lehrers Joseph Beuys verweisen. In Sieverdings Werk fließt alles zusammen: das Archiv und das kollektive Gedächtnis, das Persönliche und das Politische, die Provokation und die Analyse. „Jedes Bild ist relational“, sagt sie; „es verweist stets auf alles andere um sich herum. Kein Bild ist denkbar ohne die Gesamtheit aller Bilder, die in der Welt sind.“

Katharina Sieverding ist 1944 in Prag geboren. Die deutsche Fotografin gehört zu den Pionieren einer Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Fotografie. Sie studierte von 1963 bis 1964 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und von 1964 bis 1967 bei Teo Otto in der Bühnenbild-Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf. 1967 wechselte sie in die Klasse von Joseph Beuys, wo sie ihr Studium als Meisterschülerin im Jahr 1972 abschloss. Zahlreiche internationale Ausstellungen wie u.a. documenta V, VI, VII, Biennale von Paris, Biennale von Venedig, MoMA, Kunsthallle Düsseldorf, Kunsthalle Bremen, Albertinum, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Stedelijk Museum, Amsterdam. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Vll/196/16.1973, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016